Alles ist queer, nichts ist queer

"Betreten verboten", Daniel Schönherr

Erschienen in: CULTURMAG, August 2017
(Kuratiert von Ute Cohen)

Alles ist queer, nichts ist queer

Am Anfang war das Wort. Ja aber verdammt: welches denn nun? Queer vielleicht? Also: Queer Writing? Immerhin scheint es das neue Modewort zu sein, schwirrt überall herum. In Modeblogs (Jaden Smith im Rock!) genauso wie bei den Wiener Festwochen. Ein Begriff, auf den sich offenbar wirklich einmal alle einigen können, das kann doch nichts Schlechtes sein. Zumal einer, der endlich Schubladen öffnet, Grenzen aufbricht, Unsicherheiten erzeugt – und das auf dem Gebiet der Sexualität, auf dem es doch so viele Zäune, Abtrennungen und Ausschlüsse gibt. Man muss verdammt nochmal froh sein über dieses Wort, weil es eine Tür öffnet, den heteronormativen Status Quo stört. Alles eitel Wonne also und Entscheidung gefällt: Queer writing it is? Leider nicht. Der junge Autor Raziel Reid etwa, dessen Roman „Movie Star“ für Furore sorgte, sagte in einem Interview: „Mein Problem mit dem Wort queer ist, dass es zu einer Art Modewort unter jungen, progressiv eingestellten Menschen geworden ist. Alle sind jetzt plötzlich queer.“ Wie gesagt: das Wort ist in Mode. Wenn aber alle queer sind – dann ist niemand wirklich queer. So einfach entkommt man dem Dilemma eben nicht, auch nicht als Autorin oder Autor: Je abstrakter ein Begriff wird, je mehr er umfassen will, desto unkonkreter wird er. Gleichermaßen queer sind ja zum Beispiel: ein zuckersüßes Kinderbuch über einen verliebten Prinzen („König & König“) und Dennis Coopers dunkle, dreckige Snuff-Romane, in denen Stricherjungen die Genitalien abgeschnitten werden. Wie soll das unter einen Hut gehen? Vielleicht ist es also doch notwendig, ins Detail zu gehen. Als dem schon erwähnten Raziel Reid der Governor General’s Literary Award verliehen wurde, gab es zahlreiche Proteste. Dazu meinte er: „Das Problem ist nicht, dass Menschen sexuell aktiv sind, sondern dass sich Teenage-Boys in den Arsch ficken.“ Verstanden: Der Skandal ist nicht das abstrakte Konzept, sondern der konkrete Akt. Heißt das aber: Konkrete schwule und lesbische Sexualität gegen Abstraktion? Schwitziges, dreckiges Ficken gegen das saubere, allseits akzeptierte „queer“? Sind das die Kampflinien, auf denen man als Autorin bzw. Autor heute balanciert? Wie habe ich es selbst einmal in einem Gespräch aufgeschnappt: „Klar, jeder ist queer. So lange, bis er einen Schwanz vor sich hat.“ Nur mit welchen Werkzeugen bezieht man das auf die Literatur? Indem man nicht (nur) queere Literatur schreibt und beschreibt, sondern eben auch dezidiert schwule, lesbische oder trans Literatur? Damit wirklich alle Pflänzchen wachsen können, die nicht so recht zu queer alleine passen wollen? Intersektionalität nicht zu vergessen, dieses momentan viel diskutierte Mit- und Übereinander verschiedener Diskriminierungsformen. „None of the black gay men and women I interact with refer to themselves as queer”, sagt ja zum Beispiel der Autor und Filmemacher Phill Branch. Muss man also, um es an dieser Stelle kurz zu machen, dem Wort queer einfach Subkategorien hinzugesellen? Moment mal, kurz auf die Bremse getreten: Kategorien in der Kunst? Ist das nicht eine schreckliche Vorstellung?

Das ist keine Ghetto-Literatur!

Natürlich, schon klar: Allein das Wort Kategorie ist furchtbar. Aber kommt man wirklich ohne es aus? Bei einem Podiumsgespräch zum Thema LGBTQ Writing während des Festivals „Neue Literatur“ in New York kämpfen viele der Autorinnen und Autoren schon mit dem Begriff queer writing, von gay bzw. lesbian writing gar nicht erst zu reden. An einer Stelle fiel gar die provokante Aussage: „Es gibt keine queere Literatur“. Die Podiumsgäste waren sich einig: Man wolle diese Begriffe meiden, lieber allgemeingültige Literatur schreiben, anstatt sich auf eine einzelne Zielgruppe festlegen zu lassen. Immerhin wäre jeder Autor, jede Autorin mehr als die sexuelle Identität, jeder künstlerische Text sowieso. Und wie solle man queer writing auch definieren: Durch die Sexualität der Schreibenden? Durch die Thematik der Bücher? Edward Albee meinte einmal (ausgerechnet bei den renommierten LGBTI Lambda Literary awards!): „A writer who happens to be gay or lesbian must be able to transcend self. I am not a gay writer. I am a writer who happens to be gay. Any definition which limits us is deplorable.” Also doch keine Kategorien, schon gar keine Subkategorien? Einfach weg mit dem Teufelszeug? Nein, an dieser Stelle muss ein Einspruch kommen. Warum – zum Teufel nochmal – soll das denn ein Widerspruch sein: die Spezifik des sexuellen Hintergrundes und die Allgemeingültigkeit? Vergessen wir für einen Moment die Prosa und nehmen stattdessen das Theater: „Wenn in einer Szenenanweisung von Samuel Beckett steht: ‚Ein Mensch betritt die Bühne‘, hat man automatisch einen weißen heterosexuellen Mann vor Augen. Das ist das Problem.“ Behauptet zumindest der deutsche Regisseur René Pollesch, und der Verdacht liegt nahe, dass er Recht hat. Inszeniert ein Theater „Hamlet“, so geht es immer noch um die Probleme der ganzen Menschheit, inszeniert das Theater „Medea“, so geht es um die Probleme einer Frau. Oder, wie wiederum Pollesch sagt: „Das Problem ist die Repräsentation.“ Also: Wer stellt wen dar und sagt damit was über welche Gesellschaft aus? Zu Händl Klaus‘ Film „Kater“, der das Zerbrechen einer schwulen Beziehung zeigt, titelte eine große Qualitätszeitung: „Ein Menschenfilm, kein Schwulenfilm.“ Man versteht die Intention und denkt trotzdem: Sind Schwule denn keine Menschen? Muss wirklich extra betont werden, dass auch Schwule etwas über „Menschen“ erzählen können? Da wundert es niemand mehr, dass auch Autorinnen und Autoren nicht in diese Schubladen gesteckt werden wollen, sondern mit Händen und Füßen darum ringen, dass ihre Texte abseits der sexuellen Identität wahrgenommen werden. Und doch vergibt man sich dadurch eine spezifische Sichtweise, eine ganz konkrete Weltwahrnehmung. Widersprüche überall, scheinbar unauflösbar. Einen Schritt zurück. Als der Regisseur Barrie Kosky in Australien das Stück „The Dybbuk“ inszenierte – vielleicht das berühmteste Stück des jüdischen Theaters überhaupt –, stand auf den Postern: „This is not ghetto theatre“. Das Publikum sollte kein Theater erwarten, das ausschließlich für ein jüdisches Publikum aufgeführt wird und auch nur von diesem verstanden werden kann. Das hielt Kosky im Umkehrschluss jedoch nicht davon ab, sich dezidiert jüdischen Themen zuzuwenden, im Gegenteil. Etwas Ähnliches versuchte der Moderator der erwähnten Diskussion in New York, William Johnson von Lambda Literary, als er seinen Podiumsgästen erwiderte: „I write about black faggots. But by writing about black faggots I teach each one of my readers something about themselves.“ Ist die Frage also nicht: Wie konkret darf eine Minderheit im Schreibakt werden, ohne von der Mehrheit als Nischenprogramm wahrgenommen zu werden? Ist die Frage vielmehr: Wie konkret muss (!) man werden, um überhaupt Allgemeingültiges zu produzieren?

Lebenslange Freundschaften über die Jahrhunderte hinweg

Natürlich ist das eine Utopie, das gebe ich gerne zu. Das Problem ist heute immer noch eines der Sichtbarkeit. Denn trotz des Hypes um den Begriff queer wird es nicht einfacher, für LGBTI-Literatur einzustehen, in welcher Funktion auch immer. Zu groß die Angst aller Beteiligten, der Schublade nicht mehr zu entkommen. Es ist genau dieser Punkt, an dem schwule Buchläden wie Löwenherz in Wien und Eisenerz in Berlin – von vielen schon für obsolet erklärt – immer noch enorm wichtige Arbeit leisten, dekodieren sie doch die verwendeten Floskeln. Ein Beispiel: In den offiziellen Texten zu Hanya Yanagiharas Meistwerk „Ein wenig Leben“ gibt es keinen Hinweis auf die schwule Liebesgeschichte, die im Mittelpunkt des Romans steht. „Lebenslange Freundschaft“, liest man da nur. Was auch immer die Intention dahinter gewesen sein mag, als Leserin oder Leser man kommt sich dennoch vor wie vor hundert Jahren. Übertrieben? Hier Beispiel zwei: Peter Roseggers Roman „Weltgift“ handelt von der „Freundschaft“ des Industriellensohns Hadrian Hausler zu seinem jungen Begleiter, genannt Saberl. Kurz nach der Jahrhundertwende erschienen, ist natürlich keine Rede von schwuler Liebe. Liest man die Textstellen jedoch heute, müsste man schon blind sein, um diese nicht zu erkennen. Der katholische Schulvereinskalender schrieb nicht umsonst 1903: „Gerade diese pikante Sauce behagt dem lüsternen Gaumen der meisten Leser.“ Die Geschichte der schwulen Literatur ist durchzogen von solchen Doppeldeutigkeiten, von Verschweigen und Unterdrückung. Charles Jacksons Roman „Die Niederlage“ – im Original erschienen 1946 – hat vermutlich auch deshalb bis heute nicht die verdiente Aufmerksamkeit erhalten, weil er eine schwule Geschichte beschreibt: Ein unglücklich verheirateter New Yorker Literaturprofessor macht im Kriegssommer 1943 Urlaub auf der Insel Nantucket und verliebt sich dort in einen jungen Offizier. Der Roman war einer der ersten in den USA publizierten Romane, der Homosexualität ganz zentral zum Thema machte, die amerikanische Variante von Thomas Manns „Tod in Venedig“ quasi (auch so ein Klassiker der schwulen Literatur). Zwar wurden von Jacksons Werk 75.000 Hardcover-Exemplare und 291.000 Taschenbücher verkauft, doch zum Klassiker fehlt ihm bis heute die breite Bekanntheit. Anders als dem Alkoholiker-Roman „Das verlorene Wochenende“ des gleichen Autors, der gar von Billy Wilder verfilmt wurde. An der Qualität kann es nicht liegen, vielleicht doch am kleinen Wörtchen: schwul? Nur als Erinnerung: „Das Problem ist die Repräsentation.“ Wer traut sich – in Abwandlung des Titels eines Kippenberger Gemäldes – schon zu sagen: Ich kann beim besten Willen keine Scheuklappen erkennen? Damit hier keine falsche Betroffenheit aufflammt: In diesem Text wird ja auch nur schwule Literatur erwähnt, oder etwa nicht? Das alleine bezeugt doch ein Scheuklappendenken, das auch vor mir nicht Halt macht. Verheddere ich mich etwa gerade in den zuvor aufgestellten Kategorien? Wäre es doch richtig, zurück zum übergeordneten queer zu wechseln, um einen weiteren Blick zu wagen? Oder sollte ich einfach aufhören, von Literatur zu sprechen und stattdessen das Wort Literaturen verwenden? Der geschriebene Text, ein (zu?) weites Feld?

Die Widersprüche in die Literatur selbst treiben

Immer noch scheint eine unausgesprochene Regel zu wirken, nach der nur bestimmte Geschichten der Mehrheit zuzumuten sind. Noch einmal ein kurzer Schwenk zur Bühne: Burgtheaterdirektorin Karin Bergmann verkündete anlässlich ihrer Bestellung, die „großen Stoffe“ behandeln zu wollen. Damit meinte sie natürlich den „Jedermann“ und die „Orestie“, nicht LGBTI-Themen. War die oben geäußerte Hoffnung auf die Allgemeingültigkeit ganz konkreter Stoffe (schwul, lesbisch, trans…) also wirklich nicht mehr als das: eine Utopie? Nein, an anderen Orten ist man längst weiter. Am Maxim Gorki Theater Berlin etwa untersuchte der Autor und Regisseur Falk Richter in „Small Town Boy“ die Fragen: „Kann man anders Mann sein? Anders Frau? Kann man anders lieben und leben?“ Das ist doch ein verdammt großer Stoff! Vielleicht kann die Literaturszene hier anschließen. Vielleicht kann ich hier anschließen. Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit – eigentlich kein Wunder, dass auch die Künste selbst mit der Spannung zwischen diesen Polen kämpfen, welche die ganze LGBTI-Szene seit jeher prägt. So bleibt wirklich nur eines, um der selbstreferentiellen Suche nach einem beschreibenden Wort zu entgehen: Die schonungslose Auseinandersetzung mit dieser Spannung durch Text selbst. Darum ein ganz persönlicher Schluss: In meinem Text „Reigen – Wanna play?“ lasse ich Schnitzlers Stück auf die Dating-App Grindr treffen, anonymes Cruising auf eine Performance des Künstlers Dries Verhoevens, in der es um die Sichtbarkeit der schwulen Szene geht. Warum? Um genau jene Widersprüche zu fassen, die auch diesen Text hin- und herreißen. Um die unterschiedlichen Kräfte in voller Sichtbarkeit zu akzeptieren – und den Boys eine Stimme zu geben, die sich in den Arsch ficken.

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